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72 KONRAD HAEBLER
heit des Kanonbildes. Ausser dem Lubucense ist also bis jetzt kein Missale
bekannt, für das der auch in der Birgitta vorkommende Holzschnitt hergestellt
sein könnte.
Nun wäre es ja sehr verlockend, das Lubucense, das, wie weiterhin
wahrscheinlich gemacht werden soll, eben um die Zeit von 1491—92
entstanden sein dürfte, als das Missale anzusehen, für welches das Kanonbild
entworfen ist, denn damit wäre es als ein Werk des Bartholomaeus Ghotan
erwiesen. Leider stehen aber auch dem Schwierigkeiten entgegen. Der
Zustand des Holzstockes in der Birgitta und im Lubucense ist leider nicht so
beschaffen, dass er einen zwingenden Schluss über die Priorität gestattet,
und gegen die erstmalige Verwendung im Lubucense erheben sich gegründete
Zweifel. •
In mehreren Exemplaren der Birgitta ist der Holzstock tadellos und
unverletzt. Dagegen weist allerdings ein Berliner Exemplar, nach dem das
Facsimile auf Tafel 3 gemacht ist, eine Verletzung auf, die sich im Lubucense
nicht findet: Neben dem Johannes stehen unten rechts drei Rohrkolben, und
durch deren Halme zieht sich ein Weisser Strich, dem wenige Millimeter tiefer
noch einige minder deutliche weiss gebliebene Stellen entsprechen. Dieser
Sachverhalt liesse sich leicht so erklären, dass, nachdem der grössere Teil
der Auflage von den Revelationes Birgittae gedruckt war, eine Type auf
diesen Teil des Holzstocks gefallen, und aus Unachtsamkeit mit unter die
Presse gekommen sei, so dass an dieser Stelle die feineren Linien des Stockes
beschädigt wurden. Wenn dann nach Entfernung des Eindringlings mit dem
Stocke weiter gedruckt wurde, so konnte wohl das vorliegende Bild
entstehen. Die fehlerhafte Stelle kann aber auch auf einfachere "Weise entstanden
sein; die unteren Verletzungsspuren sind ausserordentlich geringfügig, und
sind mir selbst erst bewusst geworden, als ich die ganze Stelle daraufhin mit
der Lupe untersuchte, wie wohl der obere Defect enstanden sein könne.
Sieht man von ihnen ab, so könnte wohl auch ein Grashalm, der beim
Abzug gerade dieses Exemplars an der betreffenden Stelle am Holzstock
oder am Papier haften blieb, solche Spuren hinterlassen. Erst wenn sich
ein zweites Exemplar des Birgitta-Holzschnittes mit den gleichen Verletzungs
-spuren fände, müsste man der ersten Erklärung den Vorzug einräumen.
Dann wäre allerdings die Priorität des Lubucense so ziemlich gesichert, denn
diese Verletzungsspuren finden sich dort nicht.
Im allgemeinen aber sieht der Abdruck des Stockes im Lubucense
verdächtig so aus, als ob er der spätere sei. Die Sache ist nur deshalb nicht
vollkommen überzeugend, weil das Kanonbild einmal stark mit dicht decken-
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