Full resolution (JPEG) - On this page / på denna sida - I. Undersökningar - R. Reitzenstein, Vorchristliche Erlösungslehren
<< prev. page << föreg. sida << >> nästa sida >> next page >>
Below is the raw OCR text
from the above scanned image.
Do you see an error? Proofread the page now!
Här nedan syns maskintolkade texten från faksimilbilden ovan.
Ser du något fel? Korrekturläs sidan nu!
This page has never been proofread. / Denna sida har aldrig korrekturlästs.
12 2
r. reitzenstein
kennen, dass das Entlehnte aus einem organischen
Zusammenhang gerissen ist.
Ich habe alle wichtigeren Zeugen des neuen Glaubens
angeführt und kurz zu charakterisieren versucht. Nur einer fehlt, den
wir doch von ihnen gar nicht trennen können, der mächtige
Bussprediger aus dem Jordantal, den, wie wir sahen, die
Man-däer später für sich reklamierten. Wohl bietet die christliche
Tradition von ihm nur eine, noch dazu recht kurze Aussage,
die Predigt, die am vollsten in der gemeinsamen Quelle des
Lukas und Matthaeus vorliegt. Mit Recht hat Wellhausen, der
den Text gesichert und die Deutung gefunden hat, ihren
nichtjüdischen Charakter betont. Das Nahen jenes richtenden
Gottesboten kündet Johannes an, der alle Unbussfertigen, Israeliten
wie Heiden, in den Feuerstrom des Weltbrandes stürzen wird.
Er selbst bezeichnet sich, freilich an ein Prophetenwort
anknüpfend, offenbar als jenen »Schrei», der den Weltuntergang
ankündigt. Eine Rettung aus ihm will er bringen, wie das nach
einer vereinzelten heidnischen Angabe noch im zweiten
Jahrhundert nach Christus in Syrien und Palästina umherziehende
»Propheten» getan haben. Er vermittelt sie durch die Taufe, ein
wirkliches Sakrament, das aus dem Judentum gar nicht stammen
kann,1 wohl aber in syrischen Täufergemeinden und vor allem
bei den Mandäern üblich ist und in die neue Gemeinde
aufnimmt. Von Jerusalem und dem offiziellen jüdischen Kult wird
mit schneidender Schärfe gesprochen; ein neues Volk kann und
wird sich Gott für das neue Reich erwecken. Die Heilshoffnung
ist hier zum ersten male entnationalisiert.
Vollständig individualisert hat sie erst ein viel Grösserer
und zugleich viel inniger im Judentum Stehender. Wohl scheint
Jesus von der Johannespredigt ausgehend sich selbst als jenen
verheissenen Boten, und zwar zunächst nur als Boten an das
Volk Israël gefühlt zu haben und hat wohl auch selbst
irgendwie von dem nahenden Gericht und Weltende gesprochen, aber
seine Aufgabe in der Gegenwart ganz anders als Johannes
ge-fasst. Schon jetzt bringt er mit seiner Botschaft das Reich
Gottes, das in dem Herzen liegt, schon jetzt ist für die, welche
auf ihn hören, die Freudenzeit, in der sie gar nicht fasten
können. In wunderbarer, bei dem allgemeinen Empfinden der Got-
1 Nicht auf die Handlung, sondern auf die Bedeutung, die der
Einsetzende ihr beimisst, kommt es ja an.
<< prev. page << föreg. sida << >> nästa sida >> next page >>