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’s2
R. R EITZEN STEIN
Reden und Taten hervor, Christus spaltet den Führern der Feinde
das Haupt, er durchbohrt den Tod selbst mit der Lanze und hängt
seinen Kopf an ihr auf. Es ist das Kommen des Ormuzd (oder
Saosyant) beim Weltuntergang, das dieser Schilderung nicht nur
die Grundlinien, sondern immer wieder neue Farben gibt.1 So
kehren all die verschiedenen Formen und Abtönungen, die wir
in der iranischen oder iranisch beeinflussten religiösen Literatur
finden, im Christentum wieder. Wir haben hier wirklich einen
»Christusmythus» aus früher Zeit2; er wächst aus der historischen
Tatsache der Hinrichtung Jesu hervor; die bestimmende Form
gibt die allmählich ins Judentum eingedrungene fremde Religiosität.
Das Bevorstehen des Weltunterganges hat Jesus verkündet, als
Bote Gottes seinen Anhängern gegolten; dass Gott seinen
schimpflichen Tod zulassen konnte, machte man sich verständlich, ’^enn
man ihn als den von Gott gewollten Anfang dieses grossen Dramas
betrachtete und den Entscheidungskampf in die Unterwelt
verlegte. Der Hergang ist klar erkennbar und geradezu typisch für
derartige Entlehnungen. Die Verkündigung dieses Mythos
vollzieht sich im Kult, also in dem christlichen Mysterium, und zwar
in der Unterweisung wie in dem Lied, dann dringt sie in die
Visionsliteratur und verwandte Apokryphen, endlich in die allgemeine
erbauliche Betrachtung, letzteres bezeichnender Weise zunächst
an der Grenze Persiens, nämlich bei dem »persischen Weisen»
Aphraates3 und bei Ephräm dem Syrer, deren Vergleich mit den rein
rhetorischen Schilderungen des Pseudo-Epiphanios recht lehrreich
ist. Für die apokryphe Literatur stellt sich neben das
Nicodemus-evangelium das dem Bartholomaeus zugeschriebene koptische Buch
von der Auferstehung.4 Den Zusammenhang mit der Liturgie zeigt
noch klar der erste Hymnendichter des Westens Hilarius von Poi-
1 So wenn nach den Pehlevi-Quellen der erste Mensch (Gayomard)
oder das erste Menschenpaar zuerst der Erde entsteigt.
2 Freilich ist er für die Kirche völlig bedeutungslos geworden. Wir
sehen mit Staunen, wie lange er noch volle sinnliche Anschaulichkeit und
religiöse Wirkung gehabt hat. Dass Entlehnungen aus anderen Religionen
sich in der Regel als Ergänzungen scheinbarer Lücken einführen, werde ich
an anderer Stelle demnächst weiter verfolgen.
3 Vgl. Bert, Texte und Untersuchungen III, 3, S. 351. 235 und 106 und
190.
4 Mir leider nur aus den knappen Angaben von Warren R. Dawson,
Asiatic Review XVII, 1921, S. 348 bekannt. Indische
Höllenfahrtsschilderungen aus dem Nicodemus-Evangelium herzuleiten sollte man lieber
unterlassen; sie haben ihre eigene Geschichte.
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