Full resolution (JPEG) - On this page / på denna sida - I. Undersökningar - Peter Josef Wagner, Über die Beziehungen zwischen Morgenland und Abendland in der mittelalterlichen Musik
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PETER JOSEF WAGNER
bei Kindern beobachten, die gerne da, wo sie im Sprechen eine
Pause machen, die Stimme weiterartikulieren lassen. Diese
urmenschliche, dann asiatisch-semitisch-synagogale Praxis ist in
den christlichen Liturgien des Ostens stilisiert worden, am
feinsten und kunstgerechtesten aber im gregorianischen Gesänge
von den römischen Kantoren oder denen, welche die römischen
Gesänge fixiert haben.
So ist die ganze Gattung des mittelalterlichen liturgischen
Sologesanges dem Osten verpflichtet. Dasselbe gilt aber auch
vom Chorgesange, den sog. Antiphonen, wenngleich in anderer
Weise. Die Syrer hatte ihre musikalische Begabung auch in
den Dienst des Christentums gestellt. Von Edessa und
Antiochien her verbreitete sich bereits im 4. Jahrh. die neue
Psal-modie in Doppelchören, die auch antiphonische hiess, und der
grosse Bischof von Mailand, Ambrosius, hat sie im letzten
Viertel desselben Jahrhunderts ins Abendland verpflanzt,
secun-dum morem orientalium partium, wie es in den Quellen
heisst.1
Von da an lässt sich die Mitarbeit griechischer oder
syrischgriechischer Kirchenmusiker an der Aufrichtung des römischen
Kirchengesanges immer wieder belegen. Sie haben den
künstlerischen Zusammenhang von Morgen- und Abendland viele
Jahrhunderte hindurch aufrecht erhalten. Ein wichtiges
künstlerisches Ereigniss war die Ordnung des Kirchengesanges in
Byzanz unter Kaiser Justinian im 6. Jahrh. Byzanz war damals
der Sammelpunkt für die aus dem Osten stammenden
künstlerischen Bewegungen. Erst seit 330 war es die neue
Hauptstadt des römischen Reiches, entschuldigte sich aber für die
mangelnde grosse Vergangenheit durch allen Prunk, den die
Nähe Asiens erreichbar machte. Bereits vor Justinian muss
der Kirchengesang daselbst ungewöhnlich reich ausgestattet
gewesen sein, denn er hat die Zahl der an der Hauptkirche
dafür Angestellten auf 110 Lektoren und 25 Sänger beschränkt.
Diese Einrichtungen lernte auch Gregor I. kennen, der als
diplomatischer Abgesandter in Byzanz weilte und ihnen für
seine Ordnung der Liturgie Roms mancherlei Anregung ent-
1 Vgl. die ausführliche Darstellung bei Wagner, Ursprung und
Entwicklung der liturgischen Gesangsformen (Einführung in die greg. Melodien,
Bd. I).
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