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r. reitzenstein
jüngste Prophetie zeigt ein Eindringen von Vorstellungen und
Formeln aus dem Kult Ahura Mazdas in den Jahves. Aber
von jener das ganze religiöse Empfinden umbildenden Neuerung
finden wir noch keine Spur, und selbst ob die Personifizierung
des echten und wahren Israel in dem Bilde des Knechtes Gottes
von der persönlichen Vorstellung des Stammes der Seelen
irgendwie mit beeinflusst ist, muss wohl zweifelhaft bleiben. Erst
als im zweiten Jahrhundert vor Christus der syrische König das
Land erobert und die Religion blutig zu unterdrücken versucht,
wird aus der tiefsten Verzweiflung die allgemeine Sehnsucht
nach einer neuen Weltepoche und Welt geboren. Jetzt erlebt
man es ja wirklich, dass der Widersacher Gottes herrscht;
die Botschaft, dass ein neuer Aion die »wünschenswerte
Herrschaft«, das Reich Gottes, bringen soll, findet die Seelen
vorbereitet. In dieser neuen Welt wird Israel wieder erstehen,
und seine Toten, die für den Glauben gestorben sind, werden
wieder zum Leben erwachen. So erscheint in den kurz vor der
Mitte des zweiten Jahrhunderts entstandenen Prophezeiungen
Daniels das Bild des mit den Wolken des Himmels fliegenden
Menschen, ein mythologisches Bild, in dem der Verfasser
bezeichnenderweise nur das Volk Gottes zu sehen wagt, während
es doch auf eine rein persönliche Deutung dieses »Menschen»
als Erlöser geradezu drängt und sie auch später wirklich
erhalten hat.1 Ich brauche dafür nur auf das vierte Esrabuch zu
verweisen, das nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus
entstanden ist, eine uns gerade jetzt bis in die tiefste Seele
erschütternde Dichtung, in der ein tief gläubiges Gemüt darum
ringt, in der Zertrümmerung und Schändung seines Volkstums
den Glauben an seinen Gott nicht zu verlieren. Da steigt —
wie bei den Mandäern —- jene Menschengestalt aus den Tiefen
des Meeres und fliegt mit den Wolken des Himmels. Es ist
der richtende Messias, vor dessen Blick und Wort nach echt
iranischer Vorstellung alles zerschmilzt in Feuersglut und alle
Feinde vernichtet werden. Er aber ruft zu sich ein friedliches
Heer, die verlorenen Stämme Israëls, und begründet unter ihnen
seine Herrschaft. Dass sie der Vorstellung nach aus dem
Totenreich zurückkehren, zeigt uns die etwa gleichzeitige
Baruch-Literatur, von der wichtige Stücke neuerdings wieder aufgetaucht
1 Hier findet sich bekanntlich der erste Hinweis auf eine Auferstehung
der Toten, aber natürlich nur der Toten Israëls.
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