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’S2
R. R EITZEN STEIN
Der Kriegsknecht Longinus hat soeben seine Lanze in die Seite
des Erlösers gestossen; eine Frauengestalt, durch ein Salbgefäss
als Maria Magdalena gekennzeichnet, tritt
herzu, um in diesem Gefäss etwas von dem
Doppelstrom von Blut und Wasser
aufzufangen (Fig. 2). Unter ihnen beiden schnappen
zwei in einander verschlungene Schlangen mit
Wolfshäuptern, also Tod und Teufel, gierig
nach einem Bissen; es ist offenbar Christus
selbst, oder vielmehr dessen Fleisch.1 Das
Kreuz ist nicht dargestellt; wie in der
altchristlichen Kunst so oft, steht nur
Christus mit ausgebreiteten Armen (sonst an seiner
Stelle das beseelt gedachte Kreuz, der
Lebensbaum) allein da. Die Deutung wird durch eine
kaum übersehbare Fülle von
Kirchenväter-und Dichterstellen2 gesichert; damit aber
werden sofort die zahlreichen schwedischen
Grabsteine erklärt, auf welchen zwei ähnlich
gestaltete Drachen nach einem Kreuze schnap-
in the mind of the passer-by, by calling his attention to the mysteries of the
Christian religion. Wie voll dies auf das Gosforth-Kreuz zutrifft, wird sich im
Folgenden zeigen.
1 Das Fleisch Christi wird auch in der Literatur verselbständigt. Bei
Honorius (oben S. 160, 5) ist es der Ichneumon, der in den Rachen des Krokodils
kriecht und dessen Eingeweide zerfiisst(wie Hibil bei den Mandäern dem
Unterweltsdämon). Aber schon lange vorher erscheinen bei Augustin Serm. 130,2
und 134,6 einmal das Fleisch, das andere mal das Blut ganz selbständig;
ersteres ist Köder in der Mausefalle (muscipula). Das Bild ist bei ihm so
verblasst, dass es schon konventionell sein muss; wichtig für das
Gosforth-Kreuz ist, dass er dabei betont: das Blut konnte der Teufel wohl vergiessen,
aber nicht geniessen. Es reinigt und entsühnt ja, wie oft hervorgehoben wird,
die Erde. Das wird hier bildlich dargestellt; vgl. auch Ezzo (oben S. 162, 1)
der tiufel ginite (öffnete den Rachen) an das fleisc, wohl nach ähnlichen
Darstellungen. Beide Elemente des Abendmahls werden noch besonders
hervorgehoben. Ob das sehr alte Mosaik von Ravenna, auf das Prof. Wetter mich
aufmerksam machte (J. P. Richter, Die Mosaiken von Ravenna, Wien 1878,
S. 18), auf welchem zwei Drachen nach einem wagerecht schwebenden Mann
schnappen, hiermit zusammenhängt, wage ich nicht zu entscheiden.
2 Immer ist die Kreuzigung zugleich der Kampf gegen die beiden
Ungeheuer, welche die Menschheit bedrohen; sie sind ganz persönlich gefasst.
Die alte Form des Erlösungsgedankens lebt noch unverhüllt weiter. Dabei
kann derselbe Dichter, der Christus sogar zweimal den Teufel unschädlich
Fig. 2.
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