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WELTUNTERGANGS VORSTELLUNGEN
1 5 ’
dereinst so durch sein eigenes Gift umkommen. Aber sie muss
es tun, schwillt selbst auf und zerplatzt vor den Füssen des Apostels,
während der Jüngling lebendig wird; an der Stelle, wo das Gift
die Erde berührt hat, tut sich ein Abgrund auf, in dem der Leib
der Schlange versinkt. Der Apostel lässt ihn zuschütten, die
Oberfläche übermauern und auf diesem Fundament als Wahrzeichen
christlicher Liebe ein Hospiz für Wanderer errichten. Der Dichter
hat den iranischen Mythus von der Einschliessung des Ahriman
nachgebildet1 und bezeugt durch den Verweis auf das Los des
Vaters der Schlange noch weiter, dass das neugefundene
mani-chäische Fragment von dem letzten Kampfe des Ormuzd und
Ahriman, wie ich vermutete, eine ältere iranische Fassung wiedergibt.
Ich vergleiche nun hiermit eine an vielen Stellen besonders des
Piémont aufgezeichnete »Sage»: St. Bernhard von Mentone zieht
mit einer Pilgerschaar über die Alpen, in denen auf dem Monte Joun
der Teufel haust und sich aus den Pilgerzügen den Letzten zu holen
und zu töten pflegt. Der Heilige überwindet den Bösen, fesselt
ihn und wirft ihn in einen tiefen Erdspalt, den er ausfüllen lässt
und über dem er sein Hospiz und seine Kirche baut. Nach anderem
Fassungen bannt er ihn in die Hölle zurück oder unter einen grossen
Berg. Offenbar hat ein Kleriker, der die Thomas-Akten kannte —
seine Zeit lässt sich danach vielleicht noch annähernd bestimmen —
den Abschnitt der Akten literarisch nachgebildet und aus dem jetzt
wohl verschollenen Literaturwerk ist die Volkstradition entstanden.
Was dem heiligen Bernhard recht ist, ist dem heiligen Patrik,
der in Irland, oder dem frommen Gudmund, der in Island den
Teufel auf den Grund eines Sees gebannt hat, billig. In den
Tieroder Schreckenssee bei Kufstein hat ein Franziskaner den
entsetzlichen Schreckensstier gebannt; in einen See im Windachertale
ward von Mönchen ein anderes Stierungeheuer hinabgestürzt,
dessen Brüllen aus der Tiefe Männer von Brixen und Kitzbühel
noch in unserer Zeit gehört haben. Den riesigen Fisch, der nach
einer vielen Völkern gemeinsamen Vorstellung unter grossen Wasser-
1 Wir können ihn desshalb wohl an die Spitze einer Reihe stellen. Denn
natürlich müssen auch andere Apostel nun das Wunder des Meisters an den
Söhnen oder Dienern des Teufels wiederholen, so Bartholomaeus. Wie sein
Martyrium hierin von den Acta Thomae abhängig ist, so in der Zertrümmerung
des Standbildes von den Acta Petri, denn diese haben die alte Quelle, das
Wunder des Apollonius von Tyana, besser bewahrt (vgl. mein Buch
’Hellenistische Wundererzählungen’, S. 54).
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