Full resolution (JPEG) - On this page / på denna sida - I. Undersökningar - Tor Andrae, Der Ursprung des Islams und das Christentum. III. Die Eschatologische Frömmigkeit Muhammeds
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268 6o TOR ANDRAE
nungen oder Strafen sogleich nach dem Tode eintreten. Auch
bei den Apologeten wird man diese Auffassung als die
vorherrschende bezeichnen müssen, obwohl justin (Dialog. 80)
ausdrücklich gegen die unchristliche Lehre, dass es keine
Auferstehung gäbe, dass vielmehr die Seelen gleich nach dem Tode
in den Himmel aufgenommen würden, Verwahrung einlegt.1
Es liegt hier der hellenistische Unsterblichkeitsglaube zu Grunde,
der auf anderen anthropologischen Voraussetzungen aufbaut als
den semitischen, und im Gegensatz zu diesem die Seele des
Menschen als den in sich vollkommenen höheren und geistigen Teil
des Menschen und folglich als in sich unsterblich betrachtet. Für
den Hellenisten hat es im Grunde daher keinen Sinn, die Lehren
von der Auferstehung und dem Endgericht beizubehalten. Da
aber die Macht urchristlicher Tradition die Erhaltung dieser im
Evangelium festgewurzelten Gedanken forderte, mussten sie durch
weitgehende spiritualisierende Umdeutung in das System eingefügt
werden. Mit den Lehren des origenes von der jenseitigen
Reinigung der Seelen und der Apokatastasis hat die hellenistische
Denkweise in der Theologie den Sieg davongetragen, und damit ist
nach den Worten Harnacks2 das Herzstück der Eschatologie,
der Gedanke des Gerichtes, herausgebrochen. Mochte man
sich auch vorläufig noch vor den Konsequenzen, die Origenes
daraus zog, sträuben, die Grundbegriffe der theologischen
Jen-seitsaufifassung waren doch fernerhin àfravaaia und àæfrapa-la,
nicht Auferstehung, Gericht und Gottesreich.
Indessen blieben in der volkstümlichen Frömmigkeit auch
des Orients die urchristlichen Gedanken durchaus lebendig.
Das ist kein Zufall. Die vielbesprochene hellenistische Mystik,
die der Theologie der griechischen Kirche kaum minder als
dem Gnostizismus und der aus der Mysterienfrömmigkeit
erwachsenen Theosophie ihr geistiges Gepräge gegeben hat, ist
jedenfalls in ihrem ganzen Umfang wohl niemals Eigentum des
Volkes gewesen, wenigstens nicht in dem Masse, wie man auf
Grund ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung erwarten sollte.
Die Geschichte der Mystik im Abenlande zeigt uns zur Genüge,
dass eine spekulative Mystik (etwa wie die theosophische
Bewegung der Gegenwart) sich nur in der besonderen Pflege
verhältnismässig kleiner Kreise von »Freunden» oder Ordensbrüdern
1 Atzberger, a. a. O., 136 ff., 146.
2 Dog7nengeschichte%. II, 67.
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