Full resolution (JPEG) - On this page / på denna sida - I. Undersökningar - Peter Josef Wagner, Über die Beziehungen zwischen Morgenland und Abendland in der mittelalterlichen Musik
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MORGEN- UND ABENDLAND IN DER MITTELALTERLICHEN MUSIK I 6 5
Liturgien auseinander, der Osten erstarrte in den überlieferten
Formen, der Westen aber schickte sich zu einer unermesslichen
Grosstat an, die bis heute das Wahrzeichen europäischer Musik
bildet, der Erfindung und Ausbildung der Mehrstimmigkeit, die
der Osten bis heute nur aus dem Verkehr mit dem Westen
kennt.
Der Ubergang musikalischer Güter vom Morgen- nach dem
Abendland beschränkte sich nicht auf die Vokalmusik. Bis
zur gegenwärtigen Stunde sind laute Zeugen unserer
Abhängigkeit vom Osten die Orgel und zahlreiche andre Instrumente.
Bemerkenswert erscheint bei der Orgel, dass sie im
byzantinischen Kaiserreich und zwar bis an dessen Ende vornehmlich
ein weltliches Konzert- und Hofinstrument war, nicht aber während
des Gottesdienstes und in der Liturgie regelmässige Verwendung
fand. Kaum aber war sie unter Pipin und Karl dem Grossen dem
Frankenland bekannt geworden, so erhielt sie den Platz, den
sie von da an in so hohen Ehren behauptet hat, als
Kircheninstrument, wenngleich sie auch im spätem Mittelalter zumal
in Italien als Kammerinstrument, wie wir heute sagen würden,
natürlich in kleineren Formen, als Positiv und Portativ, beliebt
war. In neuerer Zeit war sie aber lediglich Kircheninstrument
geworden, bis sie im 19. Jahrh. durch Mendelssohn auch wieder
ein Konzertinstrument wurde. Die Verwendung der Orgel im
Gottesdienste bildete dann auch einen der Differenzpunkte,
welche die Orientalen gegen die Lateiner geltend machten.
Noch im 15. Jahrh. konstatierte ein hussitischer Abgesandter
in Konstantinopel, der die rituellen und disziplinarischen
Gegensätze zwischen Griechen und Lateinern ausführlich darlegt, Peter
Turnov: Organa aut tubas nullomodo permittunt in Ecclesiis.
Gerade aber durch die kirchliche Verwendung der Orgel hat
sich der Westen als eminent kunstfreundlich erwiesen. Die
Orgel hat dann im Abendlande wesentlich zur Ausbildung
mehrstimmiger Musik beigetragen. Unter den durch Guido von
Arezzo beschriebenen Arten mehrstimmigen Gesanges, des
Organums, gibt es eine, in der eine Stimme unveränderlich liegen
bleibt und die andere sich darüber und darunter ergeht. Das
ist aber nichts anderes als die bis heute in der griechischen
Messliturgie heimische Praxis des Ison, des sich gleichbleibenden
Begleitetones, die Stilisierung eines ganz primitiven Verfahrens,
das z. B. in der Dudelsackmusik noch bis heute weiterlebt,
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