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Sophokles Elektra, erkl. von Kaibel. 105
sich nicht ungerechtfertigt, wie El. gerade eingestanden hat. Also
heisst τοῦδε y οὕνεκα, wie gewöhnlich: so weit es darauf
ankommt, d. h. wenn du nur das meinst; denn das betrachte ich
als keinen Vorwurf. (Ganz ebenso steht τοῦδε γ᾽ οὕνεκα 387,
worauf sich K. beruft; er hat es dort richtig erklärt.)
Endlich 609 σχεδόν τι τὴν σὴν οὐ καταισχύνω φύσιν: «sind
sie (die Eltern) schlecht, so ist das gutgerathene Kind ein Wunder,
aber rein physisch macht es gleichfalls seiner Abstammung Unehre,
da nach der Natur gute von guten, schlechte von schlechten
abstammen müssen.» Das ist doch eine sonderbare philosophische
Erwägung statt der einfachen Bemerkung, dass der Ausdruck von
guten auf schlechte Eltern übertragen ist, indem man den Begriff
«zu Schanden machen» vergass und nur die Vorstellung der
Ähnlichkeit beibehielt («so schlage ich wenigstens nicht aus der Art
meiner Mutter»).
Es wäre gewiss ungerecht, die Erklärung dieser Scene als
typisch für den ganzen Commentar zu nehmen. Aber für dessen
Fehler scheint sie mir freilich typisch zu sein. Sie beruhen
zunächst darauf, dass über die Einzelheiten zu viel nachgedacht
ist. Es sieht so aus als ob der Satz aî δεύτεραι φροντίδες
00-φώτεραι für die Kaibelsche Erklärung überall massgebend gewesen
sei. Er sollte das jedenfalls nicht sein. Es gibt Fälle, wo
gerade der entgegengesetzte Grundsatz am Platze ist; wo es gilt,
das erste, unmittelbare Verständnis unentwegt festzuhalten und,
wenn nöthig, durch eindringende Prüfung zu unterbauen.
Welches Verfahren vorzuziehen ist, das hängt natürlich
zunächst von der Beschaffenheit der einzelnen Stelle ab; daneben
kommt aber auch der Gesammtcharakter des Schriftstellers in
Betracht. Dadurch erhält die Frage eine weiterreichende principielle
Bedeutung. Die Schwierigkeiten der Tragikerinterpretation beruhen
in erster Reihe gar nicht darauf, dass diese Dichter besonders
tiefsinnig gewesen sind und ihre Stücke mit feinster Berechnung
geschrieben haben. Es war dies sowol durch ihr eigenes Wesen
wie durch die Bedingungen der Kunstart ausgeschlossen. Die
Tragödie war auf den Augenblick und die Masse berechnet. Sie
zeichnet deshalb mit grossen, festen Zügen, die von weither
deutlich zu erkennen sind, und kümmert sich meist nicht um die
feinere Nuancirung des Bildes; und sie spricht, was gemeint ist,
offen und deutlich aus, und vermeidet durchgängig Andeutungen
und feine Beziehungen. Darum hat das unmittelbare Verständnis
meist Recht, wo es überhaupt möglich ist. Natürlich ist es nicht
immer möglich; aber das liegt meist an ganz andern Dingen: an
dem grossen conventionellen Apparat, den die Tragödie mitschleppt,
und der sich sowohl im Inhalt wie in der Form geltend macht;
und vor allem daran, dass die Leute anders denken und empfinden
als wir Modernen. Anders, und meist einfacher; aber das macht
die Sache gar nicht leichter. So bleiben Schwierigkeiten genug
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Project Runeberg, Wed Jun 17 00:22:07 2026
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