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I O 2
R. REITZENSTEIN
dieser Stadtstaaten im peloponnesischen Kriege ihr Zerfall
einsetzt, ist der innere Halt dieser Bürgerreligion im Grunde
verloren. Wohl versuchen tiefe Geister, vor allem ein Plato, aus
volkstümlicher oder in den Unterschichten erhaltener mystischer
Religiosität dem hohen Flug ihrer Spekulation religiöse Weihe
zu verleihen. Aber ihre Wirkung bleibt zunächst auf kleine
Kreise beschränkt, und so tief das religiöse Empfinden auch
bei Plato selbst sein mag, sein Hauptstreben geht doch nach
begrifflichem Erkennen als Grundlage einer neuen, für das
Individuum allein bestimmten oder doch möglichen Sittlichkeit.
Immer mehr sucht dann in der Folgezeit die Philosophie dem
einzelnen den festen Halt, die innere Unabhängigkeit von den
Wechselfällen des äusseren Lebens zu geben; sie will ihm die
Seele adeln und ersetzt ihm die Religion; die Gottheit verblasst
allmählich, jene Geschichte des Gottesglaubens bei den Völkern
wird zur Unterabteilung der Geschichte der Philosophie und
nimmt den charakteristischen Titel ȟber die Philosophie der
Barbaren» an.
Wir begreifen diesen Titel sofort, wenn wir unsern Blick
den orientalischen Völkern zuwenden, mit denen die Griechen
damals schon in innigste Berührung getreten sind. Uberall
besteht ein fester Priesterstand, der als Träger aller Weisheit
und Hüter einer göttlichen Offenbarung gilt. Feste Lehren
bestehen, bestimmte Vorschriften der Erklärung für die heiligen
Uberlieferungen; selbst bestimmte Erklärerschulen haben sich
z. B. in Ägypten und in Indien gebildet, und gerade die erste
Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends hat in der
indischen, aber auch in den grossen vorderasiatischen Religionen
in dem Priesterstande, ja an mehreren Stellen auch über ihn
hinaus, eine religiöse Spekulation erwachsen lassen, die
über die alten Göttermythen hinaus eine Welterklärung
wenigstens tastend sucht, die Götter zu Begriffen umgestaltet und
zugleich die Ethik immer enger mit der Religion zu verbinden
sucht.1 Ich möchte dies Eintreten der Spekulation, das von
Historikern und Religionsforschern in der Regel zu wenig
gewürdigt wird, für unsere Forschung besonders hervorheben.
Denn naturgemäss überträgt sich solche Spekulation weit leichter
als Mythos oder Volksglaube von einem Volk zum andern und
1 Vorwissenschaftliche Wissenschaft hat sie H. Oldenberg in einem
wundervollen Buche genannt.
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