Full resolution (JPEG) - On this page / på denna sida - I. Undersökningar - Tor Andrae, Der Ursprung des Islams und das Christentum. III. Die Eschatologische Frömmigkeit Muhammeds
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TOR AND RAE
Der Tag Jahwes ist der Tag der Strafe und des Gerichtes,
nicht über die hochmütigen Feinde allein, sondern vor allem
über sein pflichtvergessenes Volk. Denselben Gedanken
weiterführend hat der junge Jesaja vom Tage Jahwes gesungen, wo
alles, was stolz und ragend ist in der Welt, vor dem Herrn
der Heerscharen erniedrigt werden soll, und später hat
Ze-phanja in seiner wuchtigen Gerichtsrede den Ton angestimmt,
der in allen späteren Schilderungen der dies irae wiederhallt.
Bei ihm wird noch der Gedanke ausgeführt, dass die Frommen
sich in demütiger Bussfertigkeit auf jenen Tag besinnen sollen,
damit sie »vielleicht am Tage des Zorns geborgen sein
möchten» (2: 3). Vielleicht, denn wer dürfte jenem Tage ohne
inneres Zagen entgegensehen! Die überragende Hoheit des
Richters, das erwachte Gewissen des ethischen Gottesglaubens
sind mit dem unbefangenen Optimismus beim Gedanken an
die Zukunft nicht zu vereinigen.
In dem späteren Judentum hat aber der Geist von Bethel
über den von Thekoa gesiegt. Alle Spuren der prophetischen
Frömmigkeit sind freilich nicht verwischt. Auch der Apokalyptiker
wird, wenn er an die Schilderungen des grossen Weltgerichtes
kommt, von Angst ergriffen. Schwer lastet auf ihm das
Be-vvusstsein der eigenen Sünde und demütig fleht er zu Gott um
Erbarmen: »Du bist der Gütige, der Barmherzige; wir aber
sind Sünder und haben keine vollkommenen Werke aufzuweisen.
Was ist ein Mensch, dass du ihm zürnen, ein vergängliches
Volk, dass du ihm grollen solltest!» (IV Esra 8: 33—34). Es
wagt der Fromme nicht, sich selbst den Gerechten zuzurechnen,
die vor dem Richter zuversichtlich auftreten können; er stellt
sich in die Reihe der Sünder, die auf den Spruch der
vergeltenden Gerechtigkeit in angstvoller Ungewissheit harren (Bar.
48). Auch aus dem talmudischen Judentum Hessen sich viele
Aussagen zusammenstellen, die von der Furcht vor den
grossen Gericht zeugen. Die Unsicherheit über den Wert der
eigenen Werke und die Gültigkeit der Heilsgarantien zwingen
dem Frommen solche Gedanken auf. Der Sterbende weiss
nicht, ob er vor Gott als Gerechter hintreten wird (Beresch.
rabba 96). Jeder Mensch muss den Tag des Gerichtes fürchten
(Wajjikra rabba 26).1 Selbst die grossen Frommen der
Vorzeit haben in einer solchen Ungewissheit gelebt. Die Punkte
1 Weber, Jüdische Theologie., 284.
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