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Sophokles Elektra, erkl. von Kaibel. 101
der Behandlung des Textes ist Kaibel durchaus conservativ. Es
werden natürlich einige. meist ganz evidente Conjecturen von
Andern in den Text aufgenommen; von K. selbst nur äusserst
wenige. Vorschläge von Andern, die nicht aufgenommen sind,
werden im Apparat nicht angeführt; dagegen werden natürlich
viele im Commentar erwähnt und durchgängig abgelehnt, mitunter
sogar ohne Nennung des Urhebers. Es wäre wol praktisch
gewesen, Conjecturen die im Commentar direkte Erwähnung finden,
auch im Apparat anzuführen. — Die eigenen Vorschläge des
Herausgebers zeugen alle von reifer Erwägung und guter Methode;
eine ganz evidente Besserung habe ich unter ihnen nicht gefunden.
Auf den Text folgt eine Binleitung, deren Hauptstücke eine
Analyse des Stücks und eine Behandlung der Prioritätsfrage
zwischen der Sophokleischen und der Euripideischen Elektra sind.
Im der Analyse hat Kaibel im Ganzen das Richtige gesehen
und scharf hervorgehoben; über Einzelheiten lässt sich ja immer
streiten. In der Prioritätsfrage nimmt er gegen v. Wilamowitz
Stellung; obschon ich nicht glaube, dass v. W. seine glänzende
Hypothese erwiesen hat, so kann ich doch ebensowenig die
Gegengründe Kaibels durchschlagend finden; es scheint in der That
sehr schwer, zn einem objectiven Ergebnis zu gelangen.
Bei dem sehr ausführlichen Commentar springt vor Allem
in die Augen die sorgfältige Darlegung des Zusammenhangs.
Jede Scene und jede Replik wird genau auf ihr Verhältnis zur
Umgebung geprüft; an vielen Stellen wird sogar fast bei jedem
Wort nach der Absicht des Dichters geftragt. Dabei ist es nicht
etwa blos auf die logische Verbindung abgesehen: auch das Ethos,
die Stimmung wird überall berücksichtigt und ausführlich dargelegt.
Der Commentar ist in diser Beziehung eine geradezu
staunenswerthe Leistung zäher Energie und strenger Ehrlichkeit: an
keiner Schwierigkeit wird vorbeigeschlichen, keine Frage wird
umgangen; viele werden neu gestellt. Zu diesem Vorzug, der
schon ganz allein dem Commentar einen hervorragenden Platz
geben würde, kommt noch eine bedeutende Sprach- und Stilkenntnis :
Parallele aus Homer, den Tragikern, Herodot und der attischen
Prosa stehen Kaibel in grosser Fülle zu Gebote, und zwar solche,
die aus keinem Hiülfsbuch zu entnehmen sind. Und diese echte
Gelehrsamkeit wird nirgends dazu missbraucht, den Sophokles zu
schulmeistern ; überall sucht K., seinem im Vorwort ausgesprochenen
Grundsatz getreu, dem Dichter die Freiheit des Ausdrucks zu
wahren. — In syntaktischen Dingen kommen einige
Wunderlichkeiten vor, wie die Vertheidigung des ἐλάνϑανεν ohne ἄν 914,
die an eine längst abgethane Behandlungsweise grammatischer
Dinge erinnert. — Neben der grammatisch-stilistischen Erklärung
tritt die sachliche (im engern Sinn) etwas in den Schatten. Es
mag dies teilweise am Stoffe liegen; dennoch ist es wol nicht
Zufall, wenn zu den wenigen Stellen, wo eine wirklich vorhandene
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Project Runeberg, Wed Jun 17 00:22:07 2026
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