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Sophokles Elektra, erkl. von Kaibel. 103
tivirung ist aber schlecht: es würde unter keinen Umständen der
Mutter einfallen, sich vor der Tochter, deren Standpunkt sie doch
genügend kennt, zu rechtfertigen. Das konnte und musste sie
gleich nach der That versuchen; jetzt, zehn Jahre nachher, ist
es zu spät. Der Dichter aber will, dass die zwei Standpunkte
in Rede und Gegenrede zum Ausdruck gelangen; daher die Scene.
Natürlich leitet er sie so ein, dass man ein Bild von der Art
bekommt, wie die Mutter und der Stiefvater die Tochter
behandeln; und von da macht er mit grosser Kunst (aber ganz
unpsychologisch) den Uebergang zur eigentlichen Rede.
519 f. οὐδὲν ἐντρέπηι ἐμοῦ γε καίτοι πολλὰ πρὸς πολλούς
μὲ δὴ ἐξεῖπας ὡς ϑρασεῖα καὶ πέρα δίκης ἄρχω U. s. W.: «du
die Tochter nimmst auf mich wenigstens deine Mutter natürlich
keine Rücksicht; das ist unbillig, da du doch» vor allen Leuten
mich verklagst, dass ich dich ohne Veranlassung misshandele (ich
ergänze die Paraphrase in Kaibels Sinn). Es hat dies, so viel
ich sehe, gar keinen Sinn. Kl. sagt: «sobald Aeg. fort ist,
nimmst du auf mich keine Rücksicht; das beweist am besten,
wie falsch deine Behauptungen von meiner tyrannischen
Behandlung sind (ἄοχω ist mit Hermann = <herrsche» zu verstehen);
vor mir hast du wahrlich keine Furcht». Nur so wird καίτοι
begreiflich. — 525. πατὴρ γὰρ, οὐδὲν ἄλλο σοι πρόσχημ᾽ ἀεὶ
ὡς ἐξ ἐμοῦ τέϑνηκεν: «πατήρ gehört eigentlich als Subject in
den abhängigen Satz.» «Die Interpunction nach οὐδὲν ἄλλο
setzt diese Worte dem πατήρ parallel, als ob Klyt. noch etwas
anders getödtet hätte.» Allzu fein: das einfache Verständnis
fordert πατήρ als Subject beider Sätze; ὡς ἐξ ἐμοῦ τέϑνηκεν
ist nachträgliche Erläuterung dazu, womit οὐδὲν ἄλλο nicht das
Geringste zu thun hat. (Gleich danach ist 527 τῶνδ᾽ ἄονησις οὐκ
ἔνεστί μοι und damit das folgende γάρ fein und richtig erklärt;
ebenso 531 die Bedeutung von τὴν σὴν ὅμαιμον richtig
hervorgehoben.) — 532 f. soll die «mühsamere Satzbildung empfinden
lassen, dass der Mutter die Erörterung der Tochter gegeniüber
peinlich ist.» Derartige Erörterungen natürlicher Dinge waren
den Griechen überhaupt nicht «peinlich»; sollten es auch nicht
sein. Dagegen kommen mühsame Satzbildungen bei Sophokles
auch ohne besondere Veranlassung oft genug vor.
558 ff. Das überlieferte λέξω, wofür man (mit Recht) δείξω
eingesetzt hat. wird durch eine künstliche und zum Theil
unverständliche Erklärung vertheidigt. Was dabei herauskommt, ist
ausserdem «mit vornehmer Keuschheit» gesagt. Die vornehme
Keuschheit der Blectra besteht sonst darin, dass sie die Sachen
geredet haben als in den Choephoren». Wenn jene Worte mehr als eine
gleichgültige Redensart sind, so enthalten sie zur Charakterisirung von
Orests Stimmung gar nichts, sondern sind nur ein Ausdrück dafür, dass
Sophokles auf die weitern Folgen der That einzugehen ablehnt.
<«Nagender Gewissenszweifel» wird in der Tragödie deutlicher bezeichnet.
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Project Runeberg, Wed Jun 17 00:22:07 2026
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