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Norden, Die antike Kunstprosa. 193
extremen Richtungen als möglich anzunehmen: entweder
hochmodern oder lebensfremd archaisirend. Glücklicher Weise bleibt
doch dazwischen, in der Litteratur wie in der Kunst, Raum für
die Leute, die mit Takt und Geschmack zu ihrem persönlichen
Stil nur gute Bausteine verwenden, mögen sie alt oder neu sein.
Solche Schriftsteller giebt es fast zu allen Zeiten, wie der Verf.
es auch von diesem und jenem zugiebt, und das sind die
eigentlichen Träger der bleibenden «<Entwickelung». Ueberhaupt lassen
einige Aeusserungen über den allein «zeitgemässen» manierirten
Stil darauf schliessen, dass der Verf. dem abscheulichen
Sprichwort huldigt: źout comprendre c’est tout pardonner. Er scheint
auch ohne Verständniss dafür, dass man die classische Litteratur
anders betrachten kann als «in objektiver Ruhe und Kühle» «als
einen Tempel ewiger und vorbildlicher Schönheit» (S. 460).
Armer Platon, von dem nichts mehr zu lernen ist!
Fast möchte man glauben, dass der Verf. von dem rein
formalistischen Standpunkt der antiken Rhetorik angesteckt
worden. Zwar führt er gelegentlich kräftige Hiebe dagegen, aber
er scheint doch z. B. nicht recht erfasst zu haben, wie die
Rhetorik die antike Geschichtschreibung verdorben hat (vgl. 5. 81 f);
sonst könnte er den Rhetor Tacitus nicht so übermässig
bewundern. Auch darin sehe ich Beeinflussung von Seiten der antiken
Rhetoren, dass der Begriff der Kunstprosa zu sehr ausgedehnt
wird. Der Verf. hat selbst ein offnes Auge dafür (s. namentlich
S. 161 ff.), dass die Redefiguren usw. von Gorgias nicht erfunden
sind, sondern in allen Sprachen z. Th. volksthümlich sind und
in der Natur der Sprachelemente tief begründet; sie finden sich
im Homer wie in unsren nordischen Volksliedern und
Sprichwörtern, und ein massvoller Gebrauch im Geist der Sprache stempelt
noch nicht einen Schriftsteller als Gorgianer. Erst wenn diese
Figuren systematisch betrieben und als das wesentliche hingestellt
werden, beginnt die Verwesung des Stils. Manches, was die
antiken Theoretiker für ihre Regeln in Anspruch genommen haben,
ist unzweifelhaft unschuldige Natur. Es ist kaum zu glauben,
dass der Verf. (S. 98, 2; 103, 2) mit Hermogenes bei Thuk. I
110 τοῦτον δὲ διὰ τὸ μέγεϑός τε τοῦ ἕλους οὐκ ἐδύναντο ἑλεῖν
καὶ ἅμα μαχιμώτατοί εἶσι τῶν Αἰγυπτίων οἵ ἕλειοι oder bei
Xen. Hell. VII 1, 41 Πεισίαν οὖν τὸν ᾿ΔΑργεῖον στρατηγοῦντα ἐν
τῷ Ἄργει πείϑει eine bewusste Parechese annimmt trotz der
Warnung Lobecks; solche Fälle gehören unter die von Lehrs
Aristarch” S. 469 ff. gesammelten und gut behandelten Beispiele.
Ebenso verkehrt glaubt er 5. 102, 1 dem Demetrios de eloc.,
dass bei Xen. Anab. IV 4, 3 οὗτος δὲ ἦν μέγας μὲν οὔ, καλὸς
δέ «die Kleinheit der κῶλα die Kleinheit des Flusses malen soll».
Wie man sieht, gebiert die antike Rhetorik immer noch
böses.
Die Renaissance wird wie das Mittelalter etwas summarisch
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Project Runeberg, Wed Jun 17 12:16:29 2026
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