Full resolution (TIFF) - On this page / på denna sida - Arthur Rosenberg, Das Geschichtsbild des Bolschewismus - VIII. Stalins Geschichtsauffassung
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Arthur Rosenberg’.
Auch diesmal lässt sich gegen die von Stalin angeführten
Tatsachen kaum etwas einwenden, und auch Lenin hat stets seit
1919 die »koloniale» Situation, in die Deutschland durch den
Vertrag von Versailles herabgedrückt wurde, betont und als
revolutionären Faktor eingeschätzt. Dennoch ist in Stalins Analyse der
deutschen Situation ein fremdes Element, ganz ebenso wie in
seiner Analyse der indischen und der russischen Situation. Der
Unterschied zwischen Stalins Auffassung und der Auffassung der
Bolschewiki vor 1921 ist der folgende: Wenn die Bolschewiki vor
1921 revolutionäre Möglichkeiten erwogen und sich allgemein
über den Gang der Weltrevolution Klarheit verschaffen wollten,
dann stand immer die internationale Arbeiterrevolution im
Vordergrund. Daneben existierten auch andere helfende Faktoren, wie
die russische Bauernbewegung, die indische, chinesische oder
türkische Nationalbewegung, oder auch seit 1919 der nationale
Widerstand in Deutschland. In Stalins Betrachtungen jedoch
verflüchtigt sich die internationale Arbeiterrevolution. Dafür treten
die Nebenfaktoren jetzt selbst in den Vordergrund. In Russland
wird die nationale Bauernfrage das wichtigste Problem, in Indien
die nationale Bewegung und in Deutschland der nationale Kampf
gegen die Entente. Da das Band der Weltrevolution und der
internationalen proletarischen Bewegung die einzelnen Elemente
nicht mehr zusammenhält, gewinnen diese an Selbstständigkeit.
Die moderne Revolutionsgeschichte löst sich dann in eine Reihe
von Episoden auf, in denen der lokale, agrarische oder
nationalistische Charakter vorherrscht. Es wäre eine böse Konsequenz, wenn
man erklären wollte, dass die von Stalin 1924 prophezeite
volkstümliche Erhebung in Deutschland gegen die Entente sich 9 Jahre
später verwirklicht habe, aber leider nicht durch einen Sieg der
deutschen Arbeiterklasse, sondern durch den Amtsantritt Adolf
Hitlers.
Stalin untersucht öfter in seinen Schriften das Verhältnis
zwischen Proletariat, Bourgeoisie und Bauernschaft in den
historischen Revolutionen Europas. Stalin erklärt, dass in den
bürgerlichen Revolutionen des Westens, in England und Frankreich, in
Deutschland und Österreich die liberale Bourgeoisie die
Hegemonie hatte. Das Proletariat war noch so schwach, dass es keine
selbstständige politische Kraft darstellte. So erhielt die
Bauernschaft ihre Befreigung von der Hörigkeit, nicht aus den Händen
des Proletariats, sondern von der Bourgeoisie. Deshalb führte in
Westeuropa die Revolution zu einer gewaltigen Verstärkung des
politischen Gewichts der Bourgeoisie. In Russland dagegen brachte
die Revolution eine Schwächung der Bourgeoisie und dafür eine
Stärkung des Proletariats, und unter der Führung der Arbeiter-
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